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Ich Kann Dich Sehen
Von Carolin Bartsch

Ich kann dich sehen. Ist dir das eigentlich bewusst? Jeden Abend, wenn die Sonne schon fast untergegangen und der Himmel in diesen ätzenden Rosaton getaucht ist, sehe ich dich. Wie du an uns vorbeiläufst, deine Tasche mit dem kleinen Plüschtieranhänger dran dicht an dich gezogen. Du vermeidest es so sehr, zu uns rüberzusehen, aber manchmal gelingt es dir einfach nicht. Obwohl du immer so schnell wie möglichst wieder wegsiehst, versuche ich jedes Mal, deinen Blick einzufangen. Die Angst in deinen Augen, wenn ich dir mein wunderschönes Lächeln schenke macht nur, dass ich noch mehr grinsen muss. Sehen wir wirklich so gefährlich aus? Findest du nicht, dass du dich eher geehrt fühlen solltest? Ich lächle nicht oft, nicht so ehrlich jedenfalls, wie wenn ich dich sehe. Machen wir dir Angst, wenn wir dir hinterherpfeifen? Dich ein paar Meter auf deinem Nachhauseweg begleiten? Ich möchte doch nur, dass du gut dort ankommst. Du musst keine Angst vor uns haben. Wir beschützen dich. Findest du nicht, dass du uns dafür etwas schuldig bist? Es wäre höflich, mich wenigstens zu grüßen, wenn du mich siehst. Haben dir deine Eltern keine Manieren beigebracht? Muss ich das tun? Ein wenig Zeit hast du noch. Noch ein paar Tage. Aber wenn ich dich das nächste Mal am Bahnhof sehe und du ein klein bisschen zu spät bist und wieder ganz alleine aus dem Zug aussteigst, dann finde ich, sollten wir uns wirklich mal unterhalten. Das wird lustig, ganz sicher. Wir werden viel Spaß zusammen haben und, hm, nein, ich kann dir nicht versprechen, dass es nur bei einem Gespräch bleiben wird. Nicht, wenn du wieder dieses kurze Sommerkleid trägst. Darin bist du nicht zu übersehen. Ich kann dann nicht wegsehen. Und wenn du dann zu mir siehst, dann weiß ich nicht, wie ich meine Gefühle unter Kontrolle bringen soll. Das ist deine Schuld. Ist dir das eigentlich bewusst?


I Can See You
By Carolin Bartsch and translated by Carolin Bartsch, Leon Assaad, and Zeynep Burçe Gümüş

I can see you. Do you realize that? Every evening when the sun is almost gone and the sky has this disgusting pink tint, I see you. When you walk past us, your bag with that little stuffed animal on it pulled close to your body. You try your best not to look over at us, but sometimes you can’t. Although you always look away as quickly as possible, I try to catch your gaze every time. The fear in your eyes when I flash my beautiful smile at you only makes me grin even more. Do we really look that dangerous? Don’t you think you should feel more flattered? I don’t smile often, at least not as honestly as when I see you. Do we scare you when we whistle at you? Or walk a few meters on your way home with you? I just want you to get there safely. You don’t have to be afraid of us. We protect you. Don’t you think you owe us something for that? It would be polite to at least say hello when you see me. Didn’t your parents teach you any manners? Do I have to do that? I’ll still give you a little time. A few more days. But the next time I see you at the train station when you’re a little bit late and you get off the train all by yourself again, I think we should really talk. This will be fun for sure. We’re going to have a lot of fun together and, um, no, I can’t promise you it will just be a conversation. Not if you’re wearing that short summer dress again. You can’t be overseen in it. I can’t look away. And then, when you look at me, I don’t know how to control my feelings. That’s your fault. Are you aware of that?




Carolin is an educational science student at the LMU in Munich. She grew up in a smaller town around Munich, but spent most of her time living in worlds she created inside of her head. She believes that boredom is the worst feeling on earth and that there is no such thing as 'good' or 'bad' people. When she's not at the airport writing stories, she's either catching Pokémon or playing UFO catcher.

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